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Peter Pan Syndrom: Symptome & Umgang mit Betroffenen

Jeder von uns hat schon mal eine wichtige Entscheidung oder eine unangenehme Aufgabe vor sich hergeschoben. Jeder von uns hatte Phasen, in denen er mehr an seinen Spass als an den Ernst des Lebens gedacht hat. Aber ab wann ist dieses Verhalten destruktiv für uns oder andere? Und kann es sogar krankhaft sein?

Männer, die nicht erwachsen sein wollen

Peter Pan SyndromDer Name „Peter-Pan-Syndrom“, in Anlehnung an den berühmten Jungen aus der Kindergeschichte, der sich im Nimmerland, einer fantastischen Parallelwelt, versteckt hält und nie erwachsen werden möchte, stammt aus einem populärwissenschaftlichen Ratgeber des Familientherapeuten Dan Kiley. Der schrieb ein Buch über Männer, die sich – vereinfacht ausgedrückt – wie Kinder benehmen.

Das kann sich darin äussern, dass gesellschaftliche Regeln nicht eingehalten werden, betroffene Personen vermeiden, verbindliche Beziehungen einzugehen, Verantwortung scheuen, sich Fehler nicht eingestehen oder wichtige Aufgaben verschleppen.

Und nicht zuletzt sammeln einige von ihnen Frauenherzen und lassen sie gebrochen zurück. Im Gegensatz zu Peter Pan stehen betroffene Männer aber nicht vor der Wahl, erwachsen zu werden oder nicht. Sie sind erwachsen. Sie handeln nur nicht entsprechend. Und das kann schwere Auswirkungen auf ihr Umfeld und ihre Mitmenschen haben.

Was sind die Ursachen für das Peter-Pan-Syndrom?

Das Peter-Pan-Syndrom ist auch bekannt unter dem Namen „Puer aeternus“ (der ewige Junge). Psychologen, die das Peter-Pan-Syndrom als eigenständiges Phänomen betrachten, sehen die Ursache in einer mangelnden Aufarbeitung dominanter Elternfiguren der Betroffenen und dem Gefühl, den an sie gesetzten hohen Ansprüchen aus der Kindheit nicht gerecht werden zu können. Gegen dieses Schuldgefühl wird rebelliert, indem man sich gegen das Funktionieren, gegen das „Erwachsensein“ an sich wehrt.

Der Hintergrund ist also Angst. In erster Linie Angst vor dem Versagen. Aber auch davor, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Mit der Nähe zu einem anderen Menschen würde der Betroffene sich einerseits verletzlich machen, andererseits hat er Angst davor, das entgegengebrachte Vertrauen des anderen zu enttäuschen. Eine Aufgabe gar nicht erst anzugehen bzw. Menschen gar nicht erst an sich heranzulassen, ist also eine Vermeidungsstrategie, um den Quellen der Angst auszuweichen.

 

Wie äussert sich das Peter-Pan-Syndrom?

Typische Verhaltensweisen sind:

  • Verantwortungslosigkeit: Der Betroffene verweigert sich Schritten, die für ein Vorankommen oder das Lösen aus einer stagnierenden Lebenssituation wichtig sind. Entstehen schwierige Situationen, wird das Problem heruntergespielt, oder die Schuld dafür einer anderen Person oder einem ausserhalb der Reichweite des Betroffenen liegenden Faktors zugeschoben. Konkrete Beispiele für einen Peter-Pan’schen unsteten Lebenswandel können sein:
  • Ein immer wieder hinausgezögerter Universitätsabschluss
  • Die mangelnde Bereitschaft, sich eine (richtige) Arbeit suchen
  • Vergessene Rechnungen
  • Unzuverlässigkeit in sozialen Belangen
  • Die Nächte durchfeiern, obwohl man früh aufstehen muss
  • Eine inexistente Haushaltsführung
  • Oberflächlichkeit: Erwachsene Beziehungen – ob romantischer oder freundschaftlicher Natur – erfordern Verbindlichkeit. Während der typische „Peter“ zwar schnell neue Kontakte knüpft und Bekanntschaften schliesst, sind feste Freundschaften oder eine langfristige Beziehung für ihn schwer aufrechtzuerhalten.
  • Egoismus: Die Verweigerungshaltung gegenüber jeder Verbindlichkeit hat zur Konsequenz, dass sich ein Peter Pan nur um seine eigenen Belange kümmert. Zum einen, weil seine Unverbindlichkeit in der Aussenwirkung – also von anderen – zwangsläufig als Egozentrik interpretiert wird. Zum anderen, weil der typische Peter Pan früher oder später tatsächlich emotional verkümmert. Er verlernt – quasi aus Mangel an Training – die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen.
  • Chauvinismus: Eine zunächst sexuelle Beziehung ist heutzutage oft der Anfang für eine ernsthafte Beziehung. Findet sich ein Peter Pan in dieser „Übergangssituation“ von Spass zu Verbindlichkeit wieder, wird seine Lebensweise bedroht. Der auf den Rollenkonflikt hin eintretende Selbstschutz-Mechanismus äussert sich oft im Aufbau eines Selbstbilds, dass er ja nur Sex wolle und keine ernsthafte Beziehung. Partner eines Peter Pans, die sich dadurch verletzlich machen, mehr als das zu wollen, werden mit Abfälligkeit bestraft. Das führt beim Betroffenen zu einer grundsätzlich verachtenden, sexistischen Haltung gegenüber dem Sexualpartner.

 

INFO-BOX: Eine richtige Krankheit?
Trotz der medizinischen Konnotation des Wortes „Syndrom“ ist das Peter-Pan-Syndrom keine Krankheitsdiagnose. Der Name beschreibt eher ein Gesellschaftsphänomen. Einen Menschenschlag, der so regelmässig auftritt, dass Fachleute ihm einen eigenen Namen gegeben haben.

Lediglich von wenigen Vertretern der Psychologie und Neurologie – primär in den USA – wird das Peter-Pan-Syndrom als eigenständiges Krankheitsbild gehandelt, hinter dem sich schwach ausgeprägte und darum schwer diagnostizierbare psychische Störungen – sogenannte Schattensyndrome – verbergen sollen. Kritiker dieser Sichtweise sehen diese Kategorisierung nur als Mittel, möglichst viele Psychopharmaka zu verkaufen.

Allerdings sind Teilaspekte des Peter-Pan-Syndroms (z.B. Symptome wie Narzissmus) in starker Ausprägung auch nach dem im deutschsprachigen Raum gängigen Diagnose-Katalog ICD-10 medizinisch behandlungswürdig.

Unabhängig davon, ob es sich beim Peter-Pan-Syndrom um eine „richtige“ Krankheit handelt oder nicht, hat jeder Betroffene die Möglichkeit, sich Hilfe zu holen. Es ist kein Eingeständnis von Schwäche, sich professionelle Unterstützung zu suchen, um sich aus einer schwierigen Lebenssituation zu befreien. Ein Therapeut ist darin ausgebildet, Verhaltensweisen anzupacken, die man als störend empfindet, nicht anders, als ein Arzt ein gebrochenes Bein schient, bis es wieder stark genug ist, alleine zu stehen.

 

Sind wir nicht alle ein bisschen Peter Pan?

Nicht selten tritt diese Symptomatik nur in leichter Ausprägung, als Phase von einigen Wochen oder nur in einigen Lebensbereichen auf:

  • Ein im Leben stehender Mann mit viel Verantwortung im Beruf verweigert sich verbindlichen Beziehungen, sondern geht nur oberflächliche Liebschaften ein, die voraussichtlich keine Zukunft haben.
  • Ein liebevoller Vater in einer gesunden Beziehung schafft es nicht, aus dem Kreislauf von schlecht bezahlten, zukunftslosen Gelegenheitsjobs auszubrechen, obwohl ihm bessere Angebote gemacht worden sind.
  • Ein Student/Geselle, jung und talentiert, mit vielen Ideen und eigentlich grossen Plänen, schiebt die Anmeldung für seinen Meister/Abschluss immer wieder hinaus und stagniert in der Azubi/Studenten-Phase.

Nicht jeder Mensch, der auf der Strasse des Lebens kurz ins Schlittern gerät, ist gleich ein Peter Pan. Manchmal brauchen wir alle eine Pause von der Verantwortung. Aber wenn sich eine solche Verhaltensweise – wenn auch nur in Teilbereichen des Lebens – festsetzt, lohnt es sich, bei sich selbst bzw. seinen Partner diese Verhaltensstrukturen zu hinterfragen.

Dazu kommt der Jugendkult

Heutzutage kommt beim Erwachsenwerden, beim Übernehmen von Verantwortung noch eine weitere Erschwernis hinzu: Die Glorifizierung der Jugend. Das „Jungsein“ lässt sich heutzutage weit ins Erwachsenenalter mitschleppen, da Jugendlichkeit eher als gesellschaftliches Ideal, weniger als Unreife angesehen wird.

Das kann sich daran festmachen, dass man mit 40 noch so wild feiert wie mit 20, Kleidung trägt, die vom Schnitt oder Pflegegrad nicht altersangemessen ist oder die Lebensgestaltung an sich. Die Spassgesellschaft legitimiert dieses Verhalten.

Dazu kommt, dass Erwachsene ab der Generation, die jetzt ca. 40 wird, von klein auf gesagt bekommen hat, dass sie alles sein können, was sie wollen. Es gibt eine Art Selbstverwirklichungszwang. Das macht die Auswahl für ein Lebensmodell sehr schwer. Es ist verlockend, das eigene Leben weiterhin unverbindlich zu gestalten. Denn mit der Entscheidung für einen Lebensweg – die Partnersuche, die Beziehung, der Beruf, der Ort, an dem man Wurzeln schlägt – beschneidet man sich gleichzeitig in allen anderen Möglichkeiten. Das gilt einigen heutzutage als Stagnation.

Können Frauen das Peter-Pan-Syndrom haben?

Schlicht gesagt: Ja. Allerdings wird dieses Verhalten als so typisch männlich angesehen, dass man das gerne vergisst. Die eindeutige Geschlechtszuordnung in der Rollenbezeichnung (Peter ist schliesslich ein Männername) lässt die Tatsache unter den Tisch fallen, dass es auch ein paar „Petra Pans“ unter den „Peter Pans“ gibt. Also, meine Damen: Machen Sie es sich nicht zu einfach, denn auch Frauen können sich in der Rolle verfangen, nie erwachsen werden zu wollen.

In einer Beziehung mit Peter Pan – was tun?

Man kann sich leicht in einen Peter Pan verlieben. Er ist charmant, macht spassige Sachen und ist spontan. Aber bald merkt man, dass die charmante Art eigentlich nur Oberflächlichkeit ist, der Spass pure Impulsbefriedigung und die Spontanität der Tatsache entspringt, dass er sich vor allen Pflichten drückt.

Das zu erkennen, ist schwer genug, ist aber für viele Frauen noch lange kein Grund, ihren Partner mit seinem Fehlverhalten zu konfrontieren und Konsequenzen zu ziehen. Frauen hängen oft einem romantischen Ideal nach: dem „Bad Boy“. In der Popkultur wimmelt es von Geschichten, in denen ein schwieriger Charakter durch die Liebe einer Frau gerettet wird. Angefangen bei der Zähmung der Bestie in „Die Schöne und das Biest“ bis zu Heilung eines emotional gestörten Mannes mit schwerer Jugend in „50 Shades of Grey“. Der Lohn für die Frau: Sie kann sich als etwas Besonderes fühlen, diesen Mann gerettet zu haben. Sie hat geschafft, was alle anderen nicht geschafft haben.

Im ersten Schritt muss man als Partner eines Peter Pans also anerkennen, dass zu einer solchen Beziehung immer zwei gehören: Einer, der nicht erwachsen werden will, und einer, der bereit ist, das zu kompensieren. Die perfekte Ergänzung zu einem „Peter Pan“ ist eine „Wendy Darling“, die sich um alles kümmert. Oft finden sich in dieser Kümmerer-Rolle Menschen wieder, die sich gerne gebraucht fühlen. Für solche Menschen gibt es kaum einen einfacheren Weg, sich diese Befriedigung zu holen, als die Verantwortung für das Tagesgeschäft einer anderen Person zu übernehmen.

Oft hatten Peter Pans ihr Leben lang eine Kette solcher Menschen zur Verfügung. Männer, die erst ihre Mutter und dann ihre Freundin(nen) hatten, die ihnen das Leben ermöglichen – manchmal nur in Aspekten wie Haushalt oder Lebensorganisation, manchmal aber sogar finanziell – haben keinen äusserlichen Druck, Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen

Als Partnerin eines Peter Pans (bzw. Partner einer Petra Pan) gibt es also folgenden Ausstiegsplan:

  • Den eigenen Anteil an der Situation anerkennen
  • Verstehen, woher das Verhalten beim Partner kommt
  • Das Gespräch suchen, aufklären, Hilfe für Selbsthilfe anbieten
  • Konsequenzen folgen lassen – Unterstützung entziehen

Nur, wenn einem Betroffenen des Peter-Pan-Syndroms die Bedingungen dafür erschwert werden, sein Leben weiter zu leben wie bisher, kann er/sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Ein Peter Pan kann nur aus eigenem Entschluss das Nimmerland verlassen und zurück in die Realität kommen.

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