Beziehungssucht: Gründe & Auswege aus der Liebessucht

Ein junges, verlliebtes Paar in einem ParkWir alle kennen die Angst vor der Einsamkeit. Bei einigen ist sie allerdings stärker. So stark, dass die Furcht vor der Einsamkeit wichtiger wird als die gelebte Beziehung.

Wenn man sich nach jeder Trennung sofort wieder verliebt, sich Hals über Kopf von einer kurzen Beziehung in die nächste stürzt und jedes Mal von der grossen Liebe spricht, sollte man sich die Frage stellen: Bin ich beziehungssüchtig? Doch auch ein genau gegenteiliges Verhalten kann diesen Vorwurf hervorrufen. Nämlich dann, wenn sich jemand zu lange an einer dysfunktionalen Beziehung festklammert – aus Angst, allein zu sein.

Menschen mit Liebessucht handeln nicht aus Liebe zu einer anderen Person, und auch nicht aus Liebe zur Liebe an sich. Sie handeln aus Angst. Der erste Schritt, um der Beziehungssucht auf die Schliche zu kommen, ist zu verstehen, warum es für uns so wichtig ist, in einer Beziehung zu sein.

Statussymbol Beziehung

Tausende Geschichten enden mit dem berühmten Schlusssatz „…und sie heirateten und lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Wir bekommen von klein auf eingeimpft, dass eine Beziehung eine der wichtigsten Errungenschaften im Leben ist. Daraus kann man eine klare Botschaft ableiten: In einer Beziehung zu sein, ist ein Zustand, den es zu erreichen gilt. Wie ein Endpunkt, die Ziellinie eines Wettrennens. Und was ist die Siegermedaille?

  • Gesellschaftsbilder: Da ist einmal die gesellschaftliche Anerkennung: Auf einem Klassentreffen ist eine der interessantesten Fragen, wer verheiratet ist und wer nicht. Entdeckt man das Social-Media-Profil eines alten Bekannten, wird dieses als erstes auf Hinweise auf eine Beziehung durchsucht. Taucht man auf Familienfeiern ohne Begleitung auf, wird man schnell als das unvermittelbare schwarze Schaf gehandelt und mitleidig bis schadenfroh beäugt. Kurz: In unserer Gesellschaft gilt eine Beziehung als Nachweis über seelische Stabilität und die erfolgreiche Erfüllung gesellschaftlicher Normen. Sie ist in unserer Gesellschaft neben einer regelmässigen Arbeit eines der wichtigsten Kriterien, dass man es „geschafft“ hat. Es vermittelt das Bild eines stabilen, geregelten Lebens – unabhängig davon, wie es im Alltag dieser Beziehung wirklich aussieht. Der schöne Schein ist für die Aussenwahrnehmung häufig wichtiger als die Qualität.
  • Lebenserleichterung: Der Druck von aussen wird ergänzt durch einen inneren Druck. Erstens, weil man die Bilder eines äusserlich erfolgreichen Lebens auch auf sich selbst anwendet und daraus sein Selbstwertgefühl bezieht (Ein Reflex, vor dem kaum ein Mensch gefeit ist, wenn auch in unterschiedlichem Masse). Zweitens, weil eine Beziehung – zumindest eine gut funktionierende – tatsächlich Vorteile mit sich bringt. Man steht den Unwägbarkeiten des Lebens nicht mehr allein gegenüber, man bekommt Bestätigung durch einen liebenden Partner, man ist nicht mehr allein, man baut sich zu zweit eine Zukunft auf.

In einer Beziehung zu sein, ist ein Statussymbol. Oberflächlich betrachtet erfüllt man damit gesellschaftliche Ansprüche und für sich selbst erhofft man sich ein einfacheres Leben. Damit ist das Ziel, Teil eines Paares zu sein, für viele das wichtigste Häkchen auf der To-Do-Liste des Lebens und Partnersuche die Top-Priorität. Doch eine Beziehung ist das Gegenteil von Stillstand. Wenn der Beginn einer Beziehung die Ziellinie eines Wettrennens ist, ist die Beziehung danach der Marathon. Mit dem Status „In einer Beziehung“ beginnt erst der interessante Teil: Eine gesunde Beziehung bedeutet stetige Veränderungen und jede Menge Arbeit und Wachstum.

 

Typische Konstellationen in Suchtbeziehungen

Ein Liebespaar hat Spaß bei einem StadtspaziergangAuch wenn Männer ebenso der Beziehungssucht verfallen können, sind es in der Mehrzahl Frauen, die diese Verhaltensweise zeigen. Die Ausprägungen der Beziehungssucht können allerdings höchst unterschiedliche Formen annehmen:

  • Da ist die Frau, die von einer kurzen Beziehung in die nächste rutscht, und jedes Mal ist es natürlich der Mann ihrer Träume, der zukünftige Bräutigam und Vater ihrer Kinder – ohne, dass der Auserkorene gefragt wurde, ob er das genauso sieht.
  • Da ist die Frau, die immer wieder an verheiratete oder anderweitig unerreichbare Männer gerät, weil sie deren grossen, leeren Versprechungen glauben möchte.
  • Da ist die Frau, die bereit ist, mit einem alkohol- oder drogenabhängigen, vielleicht sogar gewalttätigen Mann zusammenzubleiben, um den Status quo zu erhalten.
  • Da ist die Frau, die aufgrund emotionaler Abhängigkeit bei jedem kleinen, irrationalen Auslöser in Eifersucht ausbricht, weil sie ihre Beziehung in Gefahr sieht.
  • Da ist die Frau, die sich in einem irrationalen Schritt auf einen Umzug in eine fremde Stadt einlässt und dabei ihre finanzielle Sicherheit, ihre Interessen und ihren Freundeskreis zurücklässt, weil sie Angst vor einer Fernbeziehung hat – für eine Partnerschaft, deren Verbindlichkeit seitens des Partners nie ausgesprochen wurde.

All diesen Ausprägungen von Beziehungssucht liegt eine Ursache zugrunde: Der Status „In einer Beziehung“ wird als wichtiger wahrgenommen als die Qualität der Beziehung selbst.

Partnerschaften ohne Zukunft

Häufig sind die Partner der Liebessüchtigen an diesen Ängsten weder Schuld noch nutzen sie sie aus. Doch laufen Beziehungssüchtige schnell Gefahr, Opfer von Menschen zu werden, die einen schwächeren, von ihnen abhängigen Partner brauchen, um ihr eigenes Leben ohne Störungen weiterleben zu können.

Beispiele gibt es viele: Verheiratete Männer in einer Affäre, die, um den Status quo zu bewahren, eine Partnerin brauchen, die es nicht wagt, ein Ultimatum zu stellen („Entscheide Dich für mich“). Süchtige (Alkohol, Spielsucht oder illegale Substanzen) die sich ihrer Sucht nicht stellen wollen und einen Partner vorziehen, der sie aus Angst vor Konflikten nicht auf ihre Fehler hinweist.

Menschen mit Bindungsängsten, die sich vor einer verbindlichen, intimen Beziehung drücken, indem sie dem schwächeren Part auf Abstand halten, der es wiederum nicht wagt, Ansprüche zu formulieren, sondern sich nach dem Motto „Spatz in der Hand“ zufrieden geben. Im schlimmsten Fall verharren beziehungssüchtige Partner in einer Beziehung, in der sie körperlich misshandelt werden, weil die Angst vor dem Alleinsein größer ist als die Angst vor Gewalt.

 

INFO-BOX: Beziehungssucht – Eine echte Krankheit?

In diesem Artikel wird der Begriff Beziehungssucht oder Liebessucht verwendet, um ein Phänomen zu beschreiben, das zwar als stark störend empfunden wird und sich negativ auf das Leben auswirken kann, in den meisten Fällen aber noch lange nicht pathologisch ist. Doch kann Beziehungssucht im schlimmsten Fall tatsächlich krankhaft sein. Im pathologischen Sinn ist Beziehungssucht im Kontext abhängiger Persönlichkeitsstörungen verortet. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie oder Ihr Partner haben aufgrund starker Abhängigkeitsgefühle psychologische Probleme, scheuen Sie sich bitte nicht, einen Arzt um Rat zu fragen, der Ihnen eine Selbsthilfegruppe oder einen erfahrenen Therapeuten vermitteln kann.

Viele Laien sehen Beziehungssucht in der Nähe zur Hypersexualität (umgangssprachlich Sexsucht genannt). Aber so, wie Liebe und Sex zwei unterschiedliche Dinge sind, sind auch die Beziehungssucht und die Sexsucht unterschiedlich motiviert. Während – stark vereinfacht ausgedrückt – krankhafte Beziehungssucht eine substanzungebundene Abhängigkeit darstellt, handelt es sich bei Sexsucht um mangelnde Impulskontrolle. Die Forschung hierzu steht allerdings noch am Anfang und die Definitionen in der psychologischen Literatur sind nicht einheitlich.

 

Beziehung um jeden Preis

Frau lehnt sich an starker Schulter an

Ein junges, verlliebtes Paar in einem Park

Eine Beziehung – auch eine gesunde, ausgewogene – erfordert Kompromisse und Opfer. Doch während die Entscheidungen in einer gesunden Beziehung von zwei autonomen Persönlichkeiten gefällt werden, gerät der beziehungssüchtige Partner schnell in die Situation, dass nur noch er/sie die Opfer bringen muss.

Der Grund: Wenn man sich zu sehr wünscht, dass eine Beziehung funktioniert, ist man vorschnell bereit, die eigenen Ansprüche aufzugeben. Dazu kommt eine hohe Bereitschaft, die Fehler des Partners zu übersehen, eine panische Angst vor unharmonischen Zeiten und dem Verlassenwerden.

Gleichzeitig kann eine Beziehungssucht dazu führen, dass man auf dem sprichwörtlichen toten Pferd sitzen bleibt. Die Angst vor dem Alleinsein ist dann grösser als das Leid, in einer lieblosen Beziehung ausgenutzt zu werden.

 

Beziehungsprobleme in einer potentiell guten Partnerschaft durch Beziehungssucht

Nicht immer geraten Beziehungssüchtige zwangsläufig in Beziehungen mit einem Partner, der diese Schwäche ausnutzt. Doch selbst wenn der neue Partner perfekte Grundvoraussetzungen und den Willen zum Aufbau eines gemeinsamen Lebens mitbringt, können die negativen Muster, die ein Liebessüchtiger in die Partnerschaft einbringt, eine handfeste Beziehungskrise nach sich führen.

  • Spricht jemand aus Angst vor Disharmonie nicht über seine/ihre Bedürfnisse, kann auch ein Partner mit gesundem Kompromisswillen nicht auf dessen Bedürfnisse eingehen. Niemand kann Gedanken lesen!
  • Die Ängstlichkeit eines Beziehungssüchtigen kann zu einem klammernden Verhalten oder übersteigerter Eifersucht führen. Das kann bei einem Partner, der sich sicher ist, keinen Anlass für dieses Verhalten gegeben zu haben, zu Verunsicherung und Ablehnung führen.
  • Die Selbstaufgabe des Beziehungssüchtigen hat zur Folge, dass auf dem anderen Partner ein zunehmend hoher Druck lastet. Es ist sehr anstrengend, alleinig für das seelische Wohlbefinden eines anderen verantwortlich zu sein, selbst wenn das nur unbewusst geschieht.
  • Gleichzeitig ist das mangelnde Selbstwertgefühl des Beziehungssüchtigen mit einem schwarzen Loch zu vergleichen. Es ist nicht durch einen äusseren Faktor zu füllen. Dieses unstillbare Bedürfnis nach positivem Feedback zwingt dem Partner eine sehr einseitige Rolle in der Beziehung auf.

 

Wege aus der Beziehungssucht

„Was bin ich wert, wenn ich nicht in einer Partnerschaft bin?“ Diese Frage ist Dreh- und Angelpunkt der Lösung aus der Beziehungssucht. Das eigene Selbstwertgefühl sollte nie am Beziehungsstatus festgemacht werden, sondern an persönlichkeitsinternen Werten. Das gilt übrigens für alle, nicht nur für Menschen in dysfunktionalen Beziehungen.

Nur mit einem gesunden Verhältnis zu sich selbst kann man in einer Beziehung die eigenen Ansprüche angemessen vertreten und gegen die des Partners abwägen, ohne in absolute Selbstaufgabe oder überzogene Eifersucht zu verfallen.

Und wenn man bei diesem Selbstfindungsprozess merkt, dass der Partner die eigene Schwäche ausgenutzt hat und nicht bereit ist, eine neue Gesprächskultur zu entwickeln? Dann muss man den Mut zum nächsten Schritt finden. Eine Trennung, vielleicht sogar eine Scheidung machen natürlich Angst. Doch ein sauberer Schnitt erlaubt ein Ende der Selbstaufgabe. Und so widersprüchlich es klingt: Nur, wenn man für die eigenen Bedürfnisse einstehen kann, kann man sich auf Partnersuche begeben und in einer neuen Beziehung ein neues Glück suchen.

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Ein Gedanke zu „Beziehungssucht: Gründe & Auswege aus der Liebessucht

  1. udo assenmacher

    Ein sehr schöner Beitrag zu diesem Thema ! Jeder sollte für sich selbst das Wichtigste befolgen !
    Liebe ist etwas sehr Schönes und Einzigartiges , aber sie tut auch manchmal sehr weh und Besonders wenn sie Ehrlich von Beiden Seiten gelebt wird ! Liebe bis zur Selbstaufgabe kann nicht sein und bringt nichts , nur Stress und man verliert die Orientierung !

    Ich habe es selbst erlebt !

    Jeder Mensch ist Einzigartig ! Liebe Dich selbst und Du wirst geliebt !
    Sich selbst zu reflektieren bedarf einiger Zeit, aber es ist sehr hilfreich, wohin die Reise gehen soll .

    Namastee

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