Klammern in der Beziehung

erdrückende LiebeEin von beiden Partnern unterschiedlich empfundenes Bedürfnis nach Nähe ist ein typisches Paarproblem.

Es beginnt damit, dass ein Partner den Wunsch des anderen nach einem Abend allein nicht akzeptieren kann. In seiner schlimmsten Form wird Klammern zum Beziehungskiller.

Dieses Problem kann sich beim Klammerer sogar über mehrere Partnerschaften hinziehen. Oft entsteht ein Kreislauf von Beziehungen und Verlassenwerden, in dem er keine Mitschuld bei sich selbst erkennt.

Was ist Klammern?

Eine Klarstellung vorweg: Es ist noch lange kein Klammern, wenn einer vor dem Fernseher kuscheln möchte, während der andere lieber mit Freunden ins Kino will. Zu einer Beziehung gehört dazu, dass man sich als Paar gelegentlich uneinig ist, wie (und vor allem wie viel) Zeit man miteinander verbringt. Die Gründe dafür sind unterschiedliche Interessen, der Altersunterschied oder einfach das Temperament.

Am Beziehungsanfang kommuniziert das Paar normalerweise, welcher Grad an Nähe und miteinander verbrachter Zeit für sie jeweils richtig ist. Das ist Teil des Umwandlungsprozesses, wenn aus der frisch verliebten Verrücktheit eine gefestigte Partnerschaft entsteht. Es ist normal, dass der eine Partner ein höheres Bedürfnis nach Beisammensein mitbringt als der andere. Die meisten Paare einigen sich, eher unterbewusst als verstandesgelenkt, auf einen Kompromiss.

Doch was, wenn sich dieses Gleichgewicht nicht einstellt? Oder nach einer langen Beziehung zu bröckeln beginnt?

Erdrückt durch Nähe

„Klammer doch nicht so!“ Einen grausameren Satz gibt es für einen Liebenden kaum. Seine Liebe ist unerwünscht. Für den, der diese Worte spricht, ist es hingegen ein Versuch, sich vor einem Einengen durch den Partner zu schützen.

Klammern ist nicht so einfach zu definieren. Was ist „zu viel“ Zeit, die man miteinander verbringt? Es gibt keine ISO-Norm, die uns die optimale Zeitverteilung zweier Menschen in einer Liebesbeziehung vorgibt. Menschen sind unterschiedlich, Beziehungen erst recht.

Problematisch wird es, wenn von einem Part Nähe, Intimität und miteinander verbrachte Zeit als Liebesbeweis empfunden wird. Einerseits kann der Klammerer so seine Liebe zeigen („Ich möchte doch nur bei Dir sein!“). Andererseits möchte sich der klammernde Part so die Liebe des anderen beweisen lassen („Du möchtest eigentlich woanders sein? Liebst Du mich denn nicht? Wenn Du jetzt hierbleibst, zeigst Du, dass Du mich liebst!“).

Liebesbeweise: die Währung der Klammerer

So werden abgesagte Verabredungen und gekippte Pläne zu einer Währung auf einem vom Klammerer akribisch geführten „Liebesbeweis-Konto“. Die Forderung nach Nähe und gemeinsam verbrachter Zeit ist gleichzeitig ein Werkzeug, um beim Partner ein schlechtes Gewissen zu erzeugen („Sieh mal: ich liebe mehr als Du!“). Viele Partner geben anfangs nach, denn das Element der emotionalen Erpressung ist beiden Partnern (noch) nicht bewusst. Doch der einseitige Druck bringt Spannungen in die Beziehung.

Klammern kann sich auch in anderen Phänomenen manifestieren als der Einforderung gemeinsamer Zeit. Eine Art des Klammerns ist das Überbehüten. Hier wird Nähe erzwungen, indem sich ein Partner aller Aufgaben des anderen annimmt. Die Grenzen sind fliessend, wie immer beim Thema Klammern: Natürlich gehört es dazu, sich Aufgaben zu teilen und einander zu helfen. Anders sieht es aus, wenn ein Partner dem anderen die Verantwortung für Alltägliches abnimmt und ihn infantilisiert, also zum Kind macht. Dahinter kann der (meist unbewusste) Versuch stehen, Kontrolle und Abhängigkeit zu erzeugen.

In schweren Fällen kommt beim Klammern ein ungehemmtes Kontrollbedürfnis dazu. Dann wird aus dem abstrakten „Liebesbeweis-Konto“ schnell reale Aufrechnung. Spätestens, wenn sich ein Partner dafür rechtfertigen muss, wofür er Geld ausgibt, ist ein Punkt erreicht, der nicht nur durch eine kleine Schräglage in der Beziehungsharmonie zu erklären ist. Der andere Partner hat in einer solchen Situation das Recht, die Notbremse zu ziehen.

Ursachen für klammernde Partner

Klammern in der BeziehungHinter Klammern steht Unsicherheit und die Suche nach Bestätigung. Der Grund dafür ist meistens in vorhergehenden Verletzungen zu finden. Wurde jemand in einer alten Beziehung – vielleicht sogar von einem Elternteil – besonders schmerzhaft verlassen oder betrogen? Es braucht kein Psychologiestudium, um nachvollziehen, dass Verlustängste die Manifestationen dieser Altlasten sein können.

Doch bei allem Verständnis für alte Ängste: Oft merken Klammerer nicht, wie viel Schaden sie in Beziehungen anrichten. Verletzungen einer alten Beziehung führen zu einem Verhalten in der nächsten, die diese schwer belastet. Zerbricht diese, bringt der Klammerer häufig eine noch schwerere Altlast in die nächste Beziehung mit… und so geht der Kreislauf weiter. Häufig erhoffen sich verletzte Menschen, dass in der neuen Beziehung alles besser würde – und wiederholen die alten Fehler. Es trägt eine gewisse Ironie in sich: Die Heilung, die man sich vom neuen Partner verspricht, macht das Problem häufig nur noch schlimmer.

Die Opferrolle

So ein Verhalten hat eine besondere Tücke: Der Klammerer sieht sich meistens nicht in der Schuld, wenn eine Beziehung in die Krise gerät oder endet. Hat er nicht alles richtig gemacht? Sich so viel Mühe gegeben? Sich der Beziehung mehr gewidmet?

Wer äusserlich betrachtet mehr in die Beziehung investiert hat, hat es leicht, die Opferrolle zu kultivieren. Schliesslich ist man der Verlassene. Derjenige, der bleiben wollte. Der nichts falsch gemacht hat. Eine so bequeme Ausrede vor sich selbst hat man nicht, wenn man die Beziehung aktiv beendet hat oder sogar fremdgegangen ist.

Das Gewissen des Klammerers schweigt. Der Verlassene muss sich keine Gedanken über seine Rolle bei Beziehungsproblemen oder der Trennung machen. Auch, wenn die Verantwortung für Trennungsgründe stets bei beiden Partnern liegt.

Die Mitschuld akzeptieren, Freiräume geben

Findet man sich in einem Kreislauf aus Beziehungen wieder, die wiederholt am selben Problem scheitern – Zurückziehen oder Fremdgehen des Partners – sollte man sich fragen, ob man am Ausgang dieser Beziehungen nicht Anteil hat.

Das kann hart sein: Man ist fraglos der Leidtragende, nicht Täter, wenn eine Beziehung durch das Fremdgehen des Partners beendet wurde. Keinesfalls geht es bei der Anerkennung von Mitverantwortung um die Umlagerung der Gesamtschuld, sondern um das Erkennen eigener Verhaltensweisen.

Doch wenn Beziehungsprobleme oder gescheiterte Beziehungen zu etwas gut sind, dann, um etwas über sich zu lernen und alte Probleme zu bewältigen. Werden Sie von Ihrem (Ex-)Partner beschuldigt, zu klammern? Vielleicht beantworten Sie dann die folgenden Fragen still für sich. Diese Fragen sollen nur ein Denkanstoss sein, kein Diagnosewerkzeug.

Klammere ich?

  • Kann ich einen Abend allein geniessen? Wenn nicht, wieso?
  • Ist mein Freundeskreis oder der meines Partners geschrumpft? Wenn ja, warum?
  • Leide ich schnell unter Eifersucht? Hat mir mein Partner Anlass zu Misstrauen gegeben?
  • Werde ich nervös, wenn ich nicht weiss, wo mein Partner ist?
  • Plane ich Freizeitaktivitäten ohne meinen Partner?
  • Gibt es in meiner Beziehung ein stark unausgewogenes Kommunikationsverhältnis? Melde ich mich häufiger als mein Partner?
  • Habe ich je heimlich in den E-Mails, Briefen, Chats oder im Smartphone meines Partners gestöbert?
  • Bin ich der einzige, der gemeinsame Aktivitäten vorschlägt?
  • Wurde ich in vergangenen Beziehungen verletzt? Habe ich das aufgearbeitet?
  • Fühle ich mich abgesichert, wenn der andere mir gegenüber in der Schuld steht?

 

Wege aus dem Klammerverhalten

Klammern lösenWie löst man sich aus dem Kreislauf des Klammerns? Das liegt in der Verantwortung desjenigen, der klammert. Und es läuft auf einen einzigen Satz hinaus: Lassen Sie los!

Eine gesunde Beziehung braucht nicht nur Nähe, sondern auch Freiheit. Man ist nicht nur die Hälfte eines Paares, sondern auch ein Individuum. Mit oder ohne Partner ist man ein ganzer Mensch.

Wenn man einzig Zeit mit dem Partner verbringt, kann man nur noch über das sprechen, was man ohnehin gemeinsam erlebt hat. Dann kann die gemeinsame Zeit nur noch langweiliger Alltag sein. Natürlich: Alltag gehört zum Beziehungsleben. Doch schafft man nur Qualitätszeit miteinander, indem man sich auch um sich selbst kümmert, Zeit ohne einander verbringt und andere Menschen trifft. Partnerschaften leben vom Gleichgewicht, dass man etwas miteinander aufbaut, sich aber gleichzeitig jeder so gut um eigene Belange kümmert, dass man vom Partner nicht ständig getragen werden muss.

Klammert man, stellt man an sich selbst und den Partner die Forderung nach Selbstaufgabe. Damit wird ein Druck aufgebaut, der die Beziehung belastet. Das beginnt damit, dass man vom Partner fordert, Hobbys einzuschränken oder die Freunde zu vernachlässigen. Darum: Ein Abend alleine zu verbringen, ist vollkommen in Ordnung.

INFO-BOX: Mein Partner klammert!

Für alle, die in einer Beziehung mit jemandem sind, der klammert, haben wir schlechte Nachrichten: Die Lösung muss vom Klammerer selbst ausgehen. Aber auch für die Opfer von Klammerern haben wir ein paar Ansätze:

Klammert Ihr Partner wirklich?
Stellen Sie sich diese Frage: Sind Sie sicher, dass der Vorwurf an Ihrem Partner gerechtfertigt ist? Haben Sie vielleicht ein besonders hohes Freiheits- und Distanzbedürfnis, vielleicht das Ergebnis eigener Verletzungen alter Beziehungen? Finden Sie gemeinsame Zeit mit dem Partner grundsätzlich nicht mehr schön und tragen Sie sich mit dem Gedanken, sich zu trennen? Fordert Ihr Partner mehr Zeit von Ihnen, weil Sie wenig Engagement bei gemeinsamen Pflichten (z.B. Kindern) zeigen und er nicht die Hauptlast tragen möchte? Dann liegt das Problem – und dessen Lösung – vielleicht nicht bei Ihrem Partner, sondern bei Ihnen.

 

Haben Sie nicht das Gefühl, sich zu entziehen? Stecken Sie in einer Beziehung zu jemandem, der klammert? Es gibt Wege, das Thema auf konstruktive Art anzusprechen:

 

„Ich brauche mal wieder Zeit für mich. Das bedeutet nicht, dass ich Dich nicht liebe oder die Zeit mit Dir nicht geniesse. Aber um Dir der Partner zu sein, der ich sein möchte, muss ich mich auch um mich selbst kümmern.“

„Ich denke, wir können einander bessere Partner sein, wenn wir gelegentlich etwas ohne den anderen machen. Sonst haben wir uns doch auch nie etwas Neues zu erzählen.“

„Was mache ich, dass ich Dich so verunsichere? Kann ich irgendetwas tun, damit Du Dich sicher fühlst, auch wenn ich Zeit ohne Dich verbringe?“
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