Wie Kompromisse in der Partnerschaft funktionieren

Kompromisse findenDie Notwendigkeit für einen Kompromiss ist für viele Paare die erste Prüfung der Verliebtheit. Die Uneinigkeit über eine Entscheidung ist häufig der Grund für die Entstehung einer Beziehungskrise. Und was nun?

Es gibt ein Zitat von Henry Kissinger: „Ein Kompromiss ist nur dann gerecht, brauchbar und dauerhaft, wenn beide Parteien damit gleich unzufrieden sind.“ Der Mann wird wissen, wovon er spricht, schliesslich hat er den Friedensnobelpreis gewonnen – und Frieden ist das Ziel, wenn es um Kompromisse in einer Beziehung geht.

 

Sind wir alle Egoisten?

Der Kompromiss hat heutzutage ein mieses Image. Er passt nicht gut zum Individualismus des 21. Jahrhunderts. Sein Gegenteil, die Kompromisslosigkeit, wird oft genannt, wenn es um Selbstverwirklichung geht. „Ich mache keine Kompromisse“, hört man selbstbewusste Einzelgänger sagen. Doch bei allen positiven Seiten, die diese Freiheit mit sich bringt – sie verträgt sich nicht gut mit einigen Aspekten von partnerschaftlichen Beziehungen.

Eine funktionierende Beziehung verlangt früher oder später Kompromisse. Das fällt vielen schwer, die zum Individualismus erzogen wurden und ihn als Erwachsene perfektioniert haben. Einige suchen nach Beziehungstipps, um ihren Individualismus und ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit unter einen Hut zu bekommen. Andere haben deswegen schon in Anlehnung an das Buch von Michael Nast die „Generation Beziehungsunfähig“ ausgerufen.

Linktipp: http://www.parship-info.ch/partnersuche/beziehungsunfaehigkeit/

Doch die Lage als hoffnungslos zu bezeichnen, ist mehr als übertrieben. Nicht zuletzt, weil der Individualismus bei der Suche nach Kompromissen auch ein Vorteil sein kann. Denn ist es nicht so: Um einen guten Kompromiss zu finden, muss man erst einmal wissen, was man selbst will und was einem wichtig ist. Und das kann man erst, wenn man gelernt hat, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Bedürfnisse zu formulieren. Das ist etwas, das wir alle zusammen mit dem Individualismus gelernt haben. Eigentlich also gute Bedingungen, um zusammen mit einem liebenden Partner an seiner Kompromissfähigkeit zu arbeiten.

 

Was ist ein Kompromiss?

Einen Kompromiss einzugehen, bedeutet nicht, dass man einen Wettstreit verloren hat. Die lateinische Herkunft des Wortes bedeutet in etwa „sich gegenseitig etwas versprechen“. Das bringt mit sich, dass beide Parteien sich in der Mitte treffen – nicht, dass sich einer durchsetzt. Bei einem guten Kompromiss rücken beide Partner ein Stück weit von ihren Vorstellungen ab. Man arbeitet zusammen an einem Ziel, das zwar von beiden nicht als ideal angesehen wird, zu dem aber beide stehen können.

Man sollte zwischen kleinen und grossen Kompromissen unterscheiden. Jeder, der in einer längeren Beziehung war oder ist, weiss, dass sich banale Themen zu grossen Diskussionen hochschaukeln können. Die richtige Faltung von Handtüchern oder Uneinigkeit darüber, ob man wirklich jeden Abend den kompletten Abwasch machen muss, sind Fragen, die sich im Eifer des Gefechts extrem wichtig anfühlen – auch wenn jedem klar sein sollte, dass es Themen von höherer Relevanz gibt.

Die wichtigen Themen sind auf einer anderen Ebene zu finden. Sie treten erst zutage, wenn die Beziehung gefestigter ist. Wer zieht zu wem? Wie und wo möchte man leben? Muss ein Traum dafür geopfert werden? Wie viel Geld möchte man zusammen verdienen? Möchte man ein Haus kaufen? Kinder haben? Natürlich sprechen auch Paare, die frisch zusammengekommen sind, über solche Themen. Doch wenn man sich bei diesen Punkten nicht einig ist, fühlt sich die Umsetzung dieser Aufgaben fern und fremd an, nicht wie etwas, worüber man sich sofort einigen muss. Und das ist gut so, denn viele Prioritäten verschieben sich im Laufe der Zeit – doch dazu unten mehr.

 

Ich bin nicht allein auf dieser Welt

Miteinander sprechenEin Kompromiss mit einem Partner ist die Anerkennung der Tatsache, dass man sein Leben nicht mehr nur für sich selbst lebt. Genauso, wie eine gut funktionierende Partnerschaft (oder genauer: der Partner) einen stützen kann, muss man bereit sein, den anderen zu stützen. Und so, wie man gelegentlich Raum oder Zeit für die eigenen Bedürfnisse einfordert, muss man bereit sein, dem anderen Raum oder Zeit zu gewähren.

In einer Partnerschaft gilt die Aussage „Ich bin nicht allein“ – im Guten, wie im Schlechten. Alle Entscheidungen, die man trifft, haben Auswirkungen auf das Leben eines anderen Menschen. Diese Auswirkungen anzunehmen, ist freiwillig. Das gilt für beide Partner.

Man gibt in einer Beziehung in einem gewissen Grad ein Recht auf; das Recht, ganz alleine und mit allen Konsequenzen für sich allein zu entscheiden. Doch in einer gesunden Beziehung erhält man dafür ein neues Recht; das Recht, dass der Partner einen bei seinen Entscheidungen ebenso mit einbezieht.

Ein Kompromiss bedeutet, etwas zu geben und von seinen eigenen Bedürfnissen zurücktreten. Gleichzeitig darf man erwarten, dass der Partner einem das gleiche gewährt. Die wichtigste Zutat für einen guten Kompromiss ist darum: Vertrauen.

 

Kompromisse in der Partnerschaft: Loslassen und Vertrauen

Meistens wird das Gespräch über Kompromisse erst dann geführt, wenn ein Konflikt ausgebrochen ist. Zum Beispiel, wenn man aufgrund einer anstehenden Veränderung das erste Mal über Themen der Lebensgestaltung spricht und merkt, dass es da grosse Unterschiede gibt. Oder wenn man in der Verliebtheit der frühen Beziehungsphasen Eingeständnisse gemacht hat, von denen man später merkt, dass sie im Alltag nicht für einen funktionieren. Ein Streit droht, die Stimmung ist mies. Keine optimalen Bedingungen, um mit ruhigem Kopf das Für und Wider aller Argumente durchzugehen.

Es ist wichtig, dass man in dieser Situation versucht, sich einen Augenblick in die Position des anderen hineinzuversetzen. Es ist nicht leicht, in einem Konflikt den eigenen Standpunkt auch nur für einen Moment und rein theoretisch aufzugeben. Doch was man im Streit schnell vergisst: Den anderen verstehen zu wollen, ist keine Selbstaufgabe, sondern Empathie. Darüber hinaus bedeutet die Tatsache, dass Verständnis für den Partner noch lange nicht bedeutet, dass seine Forderungen widerstandslos umgesetzt werden.

Vertrauen ist der Schlüssel. Für eine Kompromisslösung ist es wichtig, sich auch in einem Konflikt darauf verlassen zu können, dass der Partner einem grundsätzlich wohlgesonnen ist. Man muss bereit sein, zu glauben, dass der Partner in einem Kompromiss bereit ist, bei der Lösung den halben Weg zu gehen. Leider gibt es keinen Massstab, mit dem man die Bereitschaft zu Entgegenkommen bei einem anderen Menschen messen kann. Loslassen, seinen Beitrag leisten und darauf vertrauen, dass der Partner das gleiche tut – das ist das Wesen eines guten Kompromisses.

 

Kompromisse und Opfer

DiskutierenManchmal ist ein klassischer Kompromiss nicht möglich. Angenommen, zwei Menschen führen eine Fernbeziehung und können sich nicht darauf einigen, wer umzieht. Eine „gerechte“ Lösung mag sein, dass beide kündigen und sich genau in der geografischen Mitte zwischen den beiden Ursprungsorten niederlassen. Aber es bedarf wohl keiner weiteren Erklärungen, dass dieser Lösungsansatz nicht praktikabel ist. Auch beim Thema Kinderkriegen ist ein klares Ja oder Nein erforderlich, schliesslich kann man kein halbes Kind bekommen.

Dann steht die Frage im Raum, wie man sich entscheidet. Konflikte dieser Art werden meistens nicht sofort entschieden, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg thematisiert. Das ist keine Schwäche, sondern zeugt von Geduld und Mut. Geduld, weil man nicht auf eine sofortige Lösung besteht. Mut, weil man sich des Ausgangs nicht sicher sein kann, aber beschliesst, diese Unsicherheit auszuhalten. Manchmal löst die Zeit das Problem, weil ein Partner seine Meinung überdenkt – Menschen ändern sich schliesslich im Laufe der Zeit. Unsicherheiten dieser Art über einen längeren Zeitraum auszuhalten, kann eine Beziehung stärken, weil man einander beweist, dass man sich vertraut und auch schwierige Zeiten überstehen kann. Doch es kann auch sein, dass eine Beziehung daran scheitert.

Angenommen, es findet sich keine Einigung, sondern einer der Partner nimmt sich zurück und beugt sich dem Wunsch seines Gegenübers, dann ist es wichtig, dass man diese Kompromissbereitschaft nicht in Kategorien wie „Sieg“ oder „Niederlage“ einordnet. Wenn jemand freiwillig von seinem Ideal abweicht und Zugeständnisse macht, sollten beide Partner versuchen, das Blickfeld zu erweitern. Kann demjenigen, der das Opfer gebracht hat, vielleicht an anderer Stelle Entgegenkommen gewährt werden?

 

Beziehungsprobleme durch die Aufrechnungsspirale

Bei Kompromissen ist die Gefahr gegeben, dass eine Spirale des Aufrechnens beginnt. Das kann die grossen Themen betreffen („Du wolltest Kinder, also kann ich entscheiden, wo wir leben.“), geht aber auch im kleineren Massstab: In welcher Farbe die Wand gestrichen wird, wohin es im Urlaub geht, was es zu Essen gibt.

Das alles kann zu einer Art Beziehungsbuchhaltung führen, in der sich die beiden Partner hinter vergangenen Kompromissen verschanzen und sich gegenseitig die „Quittungen“ dafür unter die Nase halten („Letztes Wochenende sind wir dahin gefahren, wo Du hinwolltest, jetzt bin ich mal dran!“).

Meistens entspringt eine solche festgefahrene Situation der Tatsache, dass sich beide Partner als „zu kurz gekommen“ empfinden, also grundsätzlich annehmen, die höhere Kompromissbereitschaft zu zeigen und dafür nicht genug zurückzubekommen.

Die Lösung besteht darin, zu hinterfragen, woher dieses Gefühl kommt. Hat sie sich aufgrund von Kleinigkeiten hochgeschaukelt? Empfindet ein Partner einen vergangenen Kompromiss als sehr schwerwiegend und möchte nicht noch weiter „an Boden verlieren“. Oder sind vielleicht die Ansprüche in einigen Bereichen so unterschiedlich, dass das Gefühl, einen zu grossen Kompromiss eingegangen zu sein, bei beiden Partnern berechtigt ist?

 

Pragmatismus ist erlaubt

Der Idealzustand in einer Beziehung ist, dass Kompromisse quasi von allein entstehen und beide Partner durch Vertrauen und Entgegenkommen in gleichen Anteilen dazu beitragen. Wir wissen aber alle, dass Idealzustände sehr selten sind und meistens nicht lange anhalten. Das Leben ist zu komplex für Bilderbuchlösungen!

Pragmatische Absprachen sind in solchen Situationen ein Weg aus dem Konflikt. Das wirkt zwar nicht sehr romantisch, kann aber gut funktionieren. Kompromissvorschlag: Bei Uneinigkeit z.B. darüber, wie man die Wochenenden miteinander verbringt, wechselt man sich bei der Planung eben ab. Oder man macht ab und zu etwas ohne den Partner.

 INFO-BOX:

Wenn das Opfer zu gross ist…

Auch, wenn Kompromisse etwas grundsätzlich Positives sind, kann man aus falsch verstandener Kompromissbereitschaft zu weit gehen:

·         Wenn nur noch einer in der Beziehung Opfer bringt, und das über eine lange Zeit, muss man sich die Frage stellen, ob der „Kompromiss“ nur noch ein Deckmäntelchen ist, unter dem sich Ausnutzung versteckt.

·         Wenn beide Partner immer mehr das Gefühl haben, Kompromisse nur noch zu sehr hohen Preisen einzugehen, stehen dahinter vielleicht unvereinbare Vorstellungen von der Lebensgestaltung. Ist die Kompromisslösung keine Lösung, sondern für beide Partner eine Qual, ist es vielleicht an der Zeit, getrennte Wege zu gehen.

 

Am Ende sollte man nicht mit Gewalt daran festhalten, dass eine Beziehung funktioniert. Es ist weder Egoismus noch Beziehungsunfähigkeit, wenn man sich eingesteht, dass man zu einigen Opfern nicht bereit ist. Gleichzeitig sollte man keine Angst haben, seinen Standpunkt von Zeit zu Zeit zu hinterfragen und bereit sein, seinem Partner zuliebe Kompromisse einzugehen. In einer gesunden Beziehung bekommt man nämlich genau das zurück: Einen Partner, der bereit ist, für einen Kompromisse einzugehen. Nur so lässt sich ein gemeinsames Leben aufbauen.

 

Zum Schluss

Kompromissbereitschaft ist im Idealfall ein Geschenk. Man gibt es freiwillig, und man hofft und vertraut darauf, etwas „Gleichwertiges“ zurück zu erhalten. Aber der Idealfall ist in der Praxis selten vorzufinden. Also: Verhandeln ist erlaubt. Werden aus diesen Verhandlungen allerdings offene Kriegshandlungen, kann das nur mit Verletzungen enden – und keiner gewinnt. Am Ende hat wohl Kissinger recht: Der beste Kompromiss ist der, mit dem beide ein wenig unzufrieden sind, mit dem aber beide leben können. Zufriedenheit kann man aber vielleicht darin finden, einen Kompromiss gefunden zu haben und eine gute Beziehung zu führen.

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