Beziehungsunfähigkeit: Unfähig, sich zu verlieben

unfähig eine Beziehung zu führenNicht wenige Menschen leiden an einer sogenannten Beziehungsunfähigkeit. Sie sind also nicht in der Lage, sich in einen anderen Menschen zu verlieben. Hierbei handelt es sich um ein ernstzunehmendes Problem, das bei den Betroffenen oft tief im Unterbewusstsein verankert ist. Allerdings wird eine Beziehungsunfähigkeit häufig sehr schnell diagnostiziert, obwohl hinter dem Problem eigentlich eine Bindungsangst steckt.

Denn der Grat zwischen der Angst vor einer Beziehung und tatsächlicher Beziehungsunfähigkeit ist äusserst schmal. Hinzu kommt: Hinter der vermeintlichen Beziehungsunfähigkeit steckt in den meisten Fällen ein völlig anderes Problem.

Die Situation in Deutschland

Wie das Statistische Bundesamt festgestellt hat, gibt es in Deutschland etwa 16 Millionen Single-Haushalte. Ein häufiger Grund dafür, dass Menschen alleine leben (müssen), ist Beziehungsunfähigkeit. Besonders von diesem Problem betroffen scheint die Generation der 18- bis 35-Jähirigen zu sein, wie etwa der Autor Michael Nast in seinem Buch „Generation beziehungsunfähig“ beschreibt. Seine Thesen, die er aus seinem persönlichen Umfeld in Berlin entwickelt hat, werden von Psychologen jedoch eher kritisch gesehen. Denn in den meisten Fällen leiden Alleinlebende nicht unter dem pathologischen Problem einer Beziehungsunfähigkeit, sondern sind nur während einer bestimmten Lebensphase beziehungsunwillig. Die jeweiligen Singles wollen sich also schlicht und einfach aktuell nicht auf eine feste Partnerschaft einlassen, weil sie ihr Augenmerk auf andere Lebensbereiche gelegt haben.

Die Beziehungsunwilligkeit liegt übrigens nicht an einer mangelnden Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, wie eine Studie aus dem Jahr 2017 gezeigt hat. Demnach ist es für 96 Prozent aller Singles zwischen 18 und 35 Jahren völlig normal, dass sie in einer Beziehung Kompromisse eingehen müssen. Und nahezu jeder Befragte ist auch bereit, dem Partner zuliebe etwas aufzugeben, was bei älteren Generationen nicht unbedingt der Fall ist.

Was versteht man unter Beziehungsunfähigkeit?

Dass jemand beziehungsunfähig ist, bedeutet noch lange nicht, dass derjenige keine Verbindung mit anderen Menschen eingehen kann. Die betroffenen Personen sind in aller Regel nämlich sehr wohl dazu fähig, einen guten Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen und zu halten, wenngleich dieser meist eher oberflächlicher Natur ist. Dies haben die Betroffenen oftmals dahingehend perfektioniert, dass nach aussen hin der Eindruck entsteht, es handle sich bei ihnen um äusserst gesellige Zeitgenossen.

Andererseits haben beziehungsunfähige Menschen grösste Schwierigkeiten damit, stabile und feste Partnerschaften zu führen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sie zu Abwehr- oder Fluchtreaktionen neigen, sobald sie das Gefühl haben, dass der Partner ihnen und ihren vorhandenen Schwächen zu nahe kommt.

Was ist die Ursache für Beziehungsunfähigkeit?

Klammern in der PartnerschaftEiner der häufigsten Gründe dafür, dass Menschen unfähig sind, eine stabile Beziehung einzugehen, ist in Angst begründet. Sehr oft sind die eigentlichen Ursachen in der Kindheit zu finden: Die Betroffenen hatten schon in jungen Jahren gestörte Beziehungen, wie etwa eine zu grosse Distanz zur Mutter. Andere Experten sehen den Grund eher in Verlusterfahrungen, durch welche die Betroffenen traumatisiert wurden. In Bezug auf die Symptomatik ist man sich jedenfalls im Grossen und Ganzen einig: Beziehungsunfähige Menschen sind nicht in der Lage dazu, eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Weder legen sie sich fest, noch planen sie für die Zukunft, sondern bestehen auch in einer Partnerschaft auf ihre Unabhängigkeit.

Gehen zwei Menschen eine partnerschaftliche Beziehung ein, erfordert dies jedoch beiderseits einige Voraussetzungen und Fähigkeiten. Dazu gehört neben Vertrauen und Offenheit auch die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Nur dann lässt sich eine funktionierende Liebesbeziehung aufbauen und erhalten. Eine äusserst wichtige Rolle spielt dabei das gegenseitige Empathievermögen. Das bedeutet: Die Partner müssen sich in den anderen hineinversetzen können und die Bedürfnisse des anderen erkennen und respektieren. Schliesslich bringt eine feste Beziehung auch Verbindlichkeiten und Verpflichtungen der verschiedensten Art mit sich. Im Normalfall gilt, dass eine Bindung umso fester wird, je länger sie andauert. Und irgendwann im Lauf einer Beziehung wünscht sich üblicherweise mindestens ein Partner, dass sich das Zusammensein weiterentwickelt.

 

Zwei beispielhafte Ursachen, die zu Beziehungsunfähigkeit führen können:

Mögliche Ursache Auswirkungen
Mangelnde Liebe oder Fürsorge in der Kindheit Die Betroffenen haben in frühester Kindheit erfahren, dass Beziehungen nicht dauerhaft sind und dies im Unterbewusstsein manifestiert.
Enttäuschungen in einer vorherigen Partnerschaft Die Betroffenen wurden in einer früheren Partnerschaft enttäuscht und verletzen den neuen Partner unterbewusst, um zu verhindern, dass sie selbst verletzt werden.

 

Darum können beziehungsunfähige Menschen eine Bindung nicht aufrechterhalten

Menschen, die beziehungsunfähig sind, sind dagegen nicht imstande, eine enge Bindung aufrechtzuerhalten. Dieses Problems sind sie sich in seinem vollen Ausmass allerdings häufig nicht einmal bewusst. Stattdessen haben sich die Betroffenen oft aktiv dafür entschieden, keine feste Beziehung eingehen zu wollen. Doch genau das bringt das nächste Problem mit sich. Denn in ihrem tiefsten Inneren sehnen sie sich eigentlich nach Nähe und Liebe, weshalb sie ständig auf der Suche nach dem ultimativen Liebes-Glück sind. Weil sie zugleich unfähig dazu sind, sich völlig auf einen anderen Menschen einzulassen, wechseln sie die Partner in den meisten Fällen häufig. Der Grund: Sie sind nicht bereit dazu, einen Kompromiss einzugehen, stellen ihre eigenen Bedürfnisse über die des Partners und verhalten sich egoistisch. Sie geben dem Partner in der Regel auch keinen Einblick in die eigenen Gefühle, sondern verhalten sich distanziert und kühl.

Woran erkennt man, dass der Partner beziehungsunfähig ist?

Vielfach können die Partner nicht schon im Vorfeld erkennen, ob es sich bei ihrem Gegenüber um einen beziehungsunfähigen Menschen handelt, was ihnen aber auch nicht immer vollumfänglich bewusst ist. Denn gerade in der Anfangsphase einer Partnerschaft können beziehungsunfähige Menschen sehr wohl das Gefühl vermitteln, dass der Partner an erster Stelle steht. Weil sich viele beziehungsunfähige Menschen ihres Problems nicht bewusst sind, werden eventuelle Fehler bei anderen gesucht. Dadurch schaffen sie einen Rahmen, in dem die Beziehung irgendwann nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Als Ausreden müssen bei beziehungsunfähigen Menschen oft Verpflichtungen wie die Arbeit oder ein zeitintensives Hobby herhalten, damit sie sich persönlich abgrenzen können. Damit halten sie allerdings die Person, die sie vermeintlich lieben, auf Distanz. Der beziehungsunfähige Mensch schliesst seinen Partner also gewissermassen aus dem eigenen Leben aus und stellt ihn oft nicht einmal der eigenen Familie oder Freunden vor. Oftmals wird als Erklärung für dieses Verhalten angeführt, dass schliesslich jeder Partner seinen eigenen Lebensbereich und vor allem persönliche Freiheit brauche. Diese Begründungen sind allerdings lediglich ein Vorwand des beziehungsunfähigen Partners, der Angst davor hat, sich in eine Abhängigkeit zu begeben. Denn er erhält sich damit keine Freiräume, sondern baut im Gegenteil Mauern auf.

Wenn das Scheitern einer Beziehung vorprogrammiert ist

Vorstellungen vom PartnerWeil sich der beziehungsunfähige Partner nicht festlegen kann und will, entwickelt er im Lauf der Beziehung Verhaltensmuster, die diese langfristig gesehen zwangsläufig zum Scheitern bringen müssen. Er verletzt und betrügt den Partner, sei es nun bewusst oder unbewusst. Hinzu kommt, dass beziehungsunfähige Menschen oft äusserst unzuverlässig sind. So halten sie beispielsweise Verabredungen nicht ein und wollen die ganze Beziehung möglichst unverbindlich gestalten. Deshalb lehnen sie Pläne für die Zukunft entweder grundsätzlich ab oder machen einen Rückzieher, bevor diese umgesetzt werden.

Damit ebnen sie auf eine subtile Art und Weise den Weg, der zwangsläufig zu einem Ende der Beziehung führt. Der Beziehungsunfähige verletzt den Partner also selbst im Vorfeld – allein aus Angst davor, selbst verletzt zu werden. Dahinter verbirgt sich allerdings eine Unsicherheit, die sich auf vielfältige Weise äussern kann. Die Bandbreite reicht hier von Launenhaftigkeit bis hin zur Untreue.

Ein weiteres Merkmal, das charakteristisch für Beziehungsunfähigkeit ist, besteht darin, dass übertrieben hohe Ansprüche an den Partner und die Beziehung gestellt werden. Weil der Partner diesen Ansprüchen oft eben nicht genügen kann, liefert das schliesslich – aus Sicht des beziehungsunfähigen Partners – die Rechtfertigung für ein Scheitern der Beziehung. Ein beziehungsunfähiger Mensch arbeitet also im Endeffekt mit seiner destruktiven Verhaltensweise von Anfang an unmittelbar auf die Trennung hin.

Wie wirkt Beziehungsunfähigkeit auf den Partner?

Der Partner eines beziehungsunfähigen Menschen steht nur allzu oft vor einem Rätsel. Schliesslich kann er das Verhalten des Partners ebenso wenig nachvollziehen wie die Tatsache, dass dieser sich nicht mitteilt. Denn beziehungsunfähige Menschen gelten im Allgemeinen emotional als äusserst verschlossen und sind oft nicht dazu fähig, sich gegenüber anderen Menschen zu öffnen. Für sie scheint es unmöglich zu sein, die eigenen Ängste und Emotionen zu verbalisieren. Aus diesem Unvermögen heraus wiederum resultiert die abweisende Haltung, die sich natürlich wiederum negativ auf das zwischenmenschliche Zusammensein auswirkt. In vielen Fällen kommt es deshalb auch zu mehrfachen Trennungen und Versöhnungen, bis schliesslich einer der Partner einen finalen Schlussstrich unter die Beziehung zieht.

Dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse nur mangelhaft kommunizieren können, führt in vielen Fällen dazu, dass der Problematik nicht entgegengewirkt werden kann. Denn weil beziehungsunfähige Menschen meist nicht in der Lage dazu sind, dem Partner mitzuteilen, was in ihnen vorgeht, wird dieser gewissermassen aus dem Leben ausgeschlossen. Der erste und wohl wichtigste Schritt um das Problem zu lösen, besteht also darin, dieses überhaupt als solches zu erkennen und offen anzusprechen. Das ist vor allem dann schwierig, wenn die Ursachen der Problematik in der frühesten Kindheit verborgen sind.

Hat es an Fürsorge und Liebe gefehlt?

Bei Menschen, die in den ersten Lebensjahren nur wenig Liebe und Fürsorge empfangen haben, setzt sich dies im Unterbewussten fest. Dieses Defizit aus der Kindheit setzt sich schliesslich während des gesamten Lebens fort und kann von den Betroffenen nicht so einfach abgeschüttelt werden. Wollen die Partner dieses Problem gemeinsam lösen, müssen sie dafür viel Zeit und ebenso viel Geduld aufbringen.

Liegen die Ursachen einer Beziehungsunfähigkeit nicht in der Kindheit, liegt der Grund oft in einer vorherigen Partnerschaft. Wurde der Beziehungsunfähige hier enttäuscht und verletzt, kann das zu einer regelrechten Bindungsphobie auswachsen. Weil sich hier die Ursachen leichter ausmachen lassen, können die Betroffenen ihre Problematik aber oft aus eigener Kraft aufarbeiten.

Hat jemand das Gefühl, selbst beziehungsunfähig zu sein, sollte er dies keinesfalls als gegeben hinnehmen, sondern versuchen, eine Lösung für das Problem zu finden. Es ist zwar sicher alles andere als einfach, über das Problem zu sprechen, unmöglich ist es allerdings nicht. Es ist nämlich äusserst wichtig, sich selbst und den Partner mit der Tatsache zu konfrontieren. Nur so können sich die Betroffenen aus der Negativspirale, in der sich eine missglückte Beziehung an die andere reiht, befreien. Der Schlüssel zum Erfolg besteht darin, vorhandene Ängste zu erkennen und diese auch benennen zu können.

Nur auf diese Weise ist es möglich, dass der Partner Verständnis für die Situation aufbringen kann und entsprechende Unterstützung gibt. Wenn die Liebe gross genug ist, besteht nämlich durchaus eine Chance dafür, dass beide Partner lernen, wie sie miteinander eine Beziehung führen können. Das gelingt allerdings nur in kleinen Schritten. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist das gegenseitige Verständnis. Darüber hinaus sind – vielleicht viele – intensive Gespräche notwendig, bis sich ein Fortschritt erkennen lässt.

In vielen Fällen ist zusätzlich professionelle Hilfe notwendig. Den Betroffenen und ihren Partnern gibt dies zudem eine gute Möglichkeit dafür, sich ihrem Problem anzunähern. Hier steht zunächst natürlich einmal die Ursachenforschung im Vordergrund. Erst wenn der Auslöser für die Beziehungsunfähigkeit gefunden wurde, können die Betroffenen die Problematik aufarbeiten und mit Hilfe einer unterstützenden Beratung zukünftig eine vertrauensvolle und langfristige Beziehung führen.

Fazit

Sich von Beziehungsunfähigkeit zu befreien, ist für die Betroffenen in der Regel kein leichter Weg. Denn die Lösung für das Problem zu finden ist – wie bei nahezu allen psychischen Problemen – ein langsamer und kontinuierlicher Prozess. Dieser verlangt den Beteiligten, allen voran dem Betroffenen, natürlich einiges ab. Doch für viele lohnt es sich, diesen beschwerlichen Weg zu gehen. Schliesslich haben sie dann die Chance darauf, eine glückliche Partnerschaft an der Seite des Menschen, der diesen Weg mit ihnen gegangen ist, zu führen. Eine bessere Zukunftsperspektive dürfte es wohl kaum geben.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.